Nach der Entwidmung des Kirchengebäudes wurde am Freitag, 31. Oktober 2025 zur offiziellen Verabschiedung der Orgel geladen. Rückblick und Ausblick gleichermaßen und ein letzter Hörgenuss dieser „Königin der Instrumente“.
Bezirksältester Christian Probst beschrieb in seinen Begrüßungsworten die Bedeutung der Orgelmusik nicht nur im kirchlichen Gottesdienst.
Mit launigen Worten und gespickt mit Anekdoten führte Andreas Ostheimer durch die Geschichte und das Orgelprogramm des Abends – „wir sind bei einer Verabschiedung und nicht in einem Trauergottesdienst“.
Die Anordnung der Orgel in einer Nische hinter dem Altar deutet darauf hin, dass bereits bei der Einweihung des Kirchengebäudes im Jahr 1913 eine Pfeifenorgel vorhanden war. Die pneumatisch betriebene Orgel sei noch klein und eine Stiftung gewesen. Im Laufe der Zeit litten einige Teile unter der zu trockenen Heizungsluft, so dass die Orgel in den 1970er Jahren stillgelegt und durch eine elektronische Orgel ersetzt wurde – sehr zum Unmut der Gemeinde. Eine Reparatur wäre zu aufwändig gewesen.
Mit dem Umbau der Kirche 1982 wurde die E-Orgel wieder entfernt und durch eine elektrisch traktierte Pfeifenorgel ersetzt. Dabei wurden der ursprüngliche, heute noch erhaltene Prospekt und einige Pfeifen der ersten Orgel sowie einige Orgelpfeifen aus der neuapostolischen Kirche Oberriexingen mit verwendet.
„Die Disposition wurde durch diverse Wünsche etwas konfus“, so Orgelsachverständiger Ostheimer. Persönliche Geschmäcker vom Bezirksapostel bis hin zu zahlungskräftigen Gemeindemitgliedern flossen in den Neu-Um-Bau ein und dadurch entstand eine Orgel mit technischen Bau- und Dispositionsfehlern, z.B. Register im „für Hörgeräte schmerzhaften Bereich“.
2014 und 2015 gab es eine größere Überholung der Orgel, die auch zu einer Korrektur der Bau- und Dispositionsfehler geführt hat. „Und so spielte das Instrument die letzten 10 Jahre, bis sich jetzt zum Schluss wieder technische Problemchen, v.a. im Spieltisch, an der Bank, an elektrischen Bauteilen, die wir 2015 nicht ausgetauscht haben, gezeigt haben.“
Und so erklang die Orgel an diesem Abend zum letzten Mal in der entwidmeten Kirche, gespielt von fünf Organisten. Das Programm war so gestaltet, dass der eigentliche Zweck, die Begleitung des Gemeindegesangs, ebenso zur Geltung kamen wie das ganze Spektrum der Klang- und Registerfülle, insbesondere beim letzten Programmpunkt, Variationen über „Amazing grace“ von Denis Bédard, gespielt von Andreas Ostheimer: „Wenn es ganz laut wird, ist es bald vorbei“.
Ausblick
Was geschieht nun mit der Orgel? Die zunächst angedachte Integration einiger Pfeifen in die überholte Orgel in der wieder eingeweihten Dürrstraßen-Kirche wäre aus Platzgründen nicht möglich gewesen, zumal im Gebäude Alexanderstraße eine Ruine übrig geblieben wäre. Ein Orgelbauer bot an, die Orgel im aktuellen Zustand komplett einzulagern und bei nächster günstiger Gelegenheit an anderem Ort wieder einzubauen. In diese ganzen Überlegungen hinein kam der Umbau der Kirche Ettlingen, in der die Reutlinger Orgel ihre neue Heimat finden wird. Auf der Empore wird leider kein Platz für kompletten Prospekt sein, aber die teilweise 112 Jahre alten Pfeifen werden wieder in einem neuen Gehäuse, mit neuer Prospektanordnung auf der Empore und einem neuen Spieltisch unten am Altar in neuapostolischen Gottesdiensten erklingen. So kann die Orgel gerettet werden.
Die Schlussworte gehörten dem Gemeindevorsteher, Evangelist Ralf Kirchner. Der habe dreierlei an diesem Abend gelernt:
Der Orgel gab Evangelist Kirchner Segenswünsche mit auf ihren Weg ins Badische, wo sie voraussichtlich ab Mitte nächsten Jahres wieder neu erklingen und die Gottesdienste bereichern wird.