An einem ungewohnten Ort eingebettet in die Natur, in einer Turn- und Festhalle, mit dem Bereichsorchester als "Stärkung im Rücken", so feierte Bischof Matthias Grauer am Sonntag, 9. Juni 2024, mit den Gemeinden Reutlingen-Ohmenhausen, Kusterdingen-Mähringen und Gomaringen sowie zahlreichen ehemaligen Gemeindemitgliedern den Festgottesdienst zum 100jährigen Jubiläum der Gemeinden.
Der erste Januar 1924 ist das offizielle Gründungsjahr der Gemeinden Ohmenhausen und Mähringen, die sich ab den 1950er Jahren in die drei Gemeinden Ohmenhausen, Mähringen sowie Gomaringen aufteilten. Da lag es nahe, den Festgottesdienst gemeinsam zu feiern. Aus Platzgründen wurde die Turn- und Festhalle in Ohmenhausen gemietet und mit tatkräftigen Helferinnen und Helfern hergerichtet und geschmückt. Für die Begleitung des Gemeindegesangs stellte Firma Ahlborn die Orgel kostenlos zur Verfügung, die wenige Wochen zuvor beim Abschlussgottesdienst des Süddeutschen Kirchentag in Karlsruhe zum Einsatz kam (an dieser Stelle ein großes Dankeschön an Michael Aicheler!). Den Chor bildeten Sängerinnen und Sänger aus den drei Gemeinden, zudem war das Bereichsorchester der Bezirke Reutlingen, Nürtingen und Esslingen/Stuttgart-Degerloch zur Umrahmung eingeladen.
Bischof Grauer legte dem Gottesdienst einen Teil des bekannten Magnificats zugrunde: „Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.“ (Lukas 1, 46-48).
Zu Beginn nahm der Bischof Bezug auf das Grußwort des Bezirksapostels, dass die Gemeinde der Ort sein möge, an dem die Vorbereitung auf die Wiederkunft Jesu Christi im Mittelpunkt steht. Auch das Grußwort des evangelischen Pfarrers Zürn (Ohmenhausen) hätte ihn beeindruckt, da er ebenfalls auf die Aufgabe der Kirche Christi, wie sie im Katechismus der NAK beschrieben ist, eingegangen ist (Festschrift als PDF).
Maria hat angenommen, was der Engel ihr zu ihrer Zukunft gesagt hatte, sie stimmte den Lobgesang an. Auch heute noch preisen sie alle Kindeskinder selig. Sie steht symbolisch für die Kirche Christi. Bischof Grauer stellte die Frage, wo unser Platz und unsere Aufgabe in der Gemeinde seien, ob wir wie Maria dankbar diese Aufgabe annehmen könnten und uns darauf besinnen, welche Möglichkeiten die Gemeinde bietet: Vorbereitung auf die Wiederkunft Jesu Christi und ein Herz und Ohr für einander zu haben.
Die heutige Gemeinde, das sind die „Kindeskinder“ der Frauen, die die Gemeinde aufgebaut haben, allen voran Rosine Hack aus Ohmenhausen, die von Berta Sauer aus Reutlingen in die Gottesdienste der neuapostolischen Kirche eingeladen worden war und gemeinsam mit ihren beiden Söhnen weiteres Zeugnis von ihrem Glauben gegeben hatte. Bischof Grauer nahm dabei dankbar Rückblick darauf, wie sie ihren Glauben auch gelebt hatte und was davon noch in der Gemeinde lebt. Dabei wollen wir Maria als Vorbild nehmen, die in eine ungewisse Zukunft gegangen ist und sich an ihren Sohn Jesus gehalten hat, seine Entwicklung begleitet hat. Als Jesus nicht seine leibliche Mutter und Brüder, sondern diejenigen als Familie bezeichnete, die den Willen seines himmlischen Vaters tun (Matthäus 12,48-50), entwickelte Maria keine Empörungsmentalität und fühlte sich nicht herabgewürdigt, sondern als Teil dieser Gemeinde. So sollten auch wir die Gemeinde als Ort empfinden, wo wir mit Brüdern und Schwestern zusammenkommen, als Ort der Entwicklung und der Familie im Sinne Jesu.
Am Eingang der Halle hatten die Kinder der Gemeinden bemalte Papierherzen zur Begrüßung aufgehängt. Eines der Kinder hatte „Weiter so NAK!“ darauf geschrieben. Bischof Grauer bedankte sich bei diesem Kind und gab diese Aufforderung an die versammelte Festgemeinde weiter: Weiter so
Die beiden Vorsteher wurden ebenso wie der stellvertretende Bezirksvorsteher Priester Jan Kittelberger zu Predigtbeiträgen aufgerufen.
Der Mähringer Vorsteher, Evangelist Thomas Walker: Bei der Gratulation zum 100. Geburtstag eines Menschen sage man vielleicht, dass das Meiste hinter ihm liegt. Der erste offizielle Gottesdienstort war die Gaststätte am „Mähringer Bahnhöfle“. Ein Zug hatte damals die Ortschaften Gomaringen, Mähringen und Ohmenhausen mit einander verbunden. Diesen Zug gibt es nicht mehr, aber die drei Kirchengemeinden bestehen noch heute. Das Größte liegt nicht hinter sondern vor den Gemeinden. Der Sohn Gottes hat dazu schon die Schienen gelegt mit seinen Worten „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Der Ohmenhäuser und Gomaringer Vorsteher, Priester Alexander Pfäffle, bedankte sich zunächst bei allen Helferinnen und Helfern und riet dazu, mit der Nächstenliebe einen Kontrapunkt in der Gesellschaft zu setzen. Gegen Widerstände, aber im vollen Vertrauen auf Gott, hatten die ersten neuapostolischen Christ*innen an der Gemeinde weitergebaut. Auch wir heute haben den Auftrag, in der Kirchengemeinde uns gegenseitig zu stärken und für einander da zu sein.
Priester Kittelberger erwähnte einen Aufoaufkleber: Fehlende PS werden durch Wahnsinn ersetzt. Auch wenn uns vielleicht manchmal die Kraft fehlt, so macht doch der innere Antrieb den Unterschied aus. Mit viel Liebe und Einsatz wurde die Gemeinde aufgebaut. Am Ostermorgen waren es die Frauen, die als erste am Grab waren, um einen letzten Liebesdienst zu leisten. Maria als Sinnbild der Kirche, der Gemeinde, ist ein schönes Bild für einen Jubiläumsgottesdienst. Kraft, Liebe und Gottvertrauen lassen eine besondere Gemeinde entstehen.
Das Bild des Aufkleberspruchs nahm Bischof Grauer bei seiner Hinleitung zum Heiligen Abendmahl auf. Vielleicht werden wir mit Mangel konfrontiert und halten uns viel zu lang mit Mangelbeschreibungen auf. Aber Gott füllt des Lebens Mangel auf. Im 2. Weltkrieg waren 16 Brüder der Gemeinde gefallen. Auch die beiden Aufteilungen 1950 (Gründung der Gemeinde Gomaringen) und 1957 (Trennung in Ohmenhausen und Mähringen) war zunächst ein Mangel in dem Sinn, dass die Gemeinden kleiner wurden. Aber Gott gibt uns in seiner Liebe die Kraft, einen Mangel auszufüllen.
Nach dem Gottesdienst waren alle Anwesenden zum Verweilen bei einem Stehimbiss geladen und auch die im abgegrenzten Hallenteil ausgestellten Tafeln luden mit ihren Fotos zum Erinnerungsaustausch ein.